Ausflug nach Shenzhen

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Ein kleiner Wunsch von mir war es, auf dieser Reise eventuell auch mal Shenzhen besichtigen zu können – weil ich dort oftmals ’ne Menge an Elektronikkram herbestelle; und da wollte ich einfach mal sehen, wie es dort eigentlich so aussieht. Da das allerdings „hinter der Grenze“ liegt, also wirklich in China ist, habe ich mir das eigentlich schon abgeschminkt, weil man für China ein aufwändiges und teures Visa benötigt und lange im Vorfeld beantragen muss / sollte.

Doch halt! Wie ich erfuhr, zählt Shenzhen erstens als Sonderwirtschaftszone und zweitens werden an der Grenze mit Hongkong Kurzzeit-Visa ausgegeben! Na Sahne! Da dacht ich mir, das muss ich mal genauer erkunden, wenn ich das nun schon so nah vor der Haustür habe und die Möglichkeit besteht.

Dazu fährt man mit der MTR (das ist die U-Bahn und stellenweise auch der Zug in Hongkong) ins nördlich gelegene „Lo Wu“ ; das ist der letzte Bahnhof und auch die Grenze. Dort sucht man sich den Ausgang nach Shenzhen. Die paar Stationen Zugfahrt bis hierher kosteten mich immerhin 29,50 HKD (≈ 4,50 EUR), mal zwo, wegen Rückweg, also 9 EUR.

 
 
 
 

Ich bin hier hin mit null Plan und hab mich einfach mal überraschen lassen, wie das nun so langläuft und ob ich nach China reingelassen werde. Da die Bahnstation fließend in eine richtige Grenze übergeht, die wir in Europa fast gar nicht mehr gewöhnt sind, sondern vielleicht nur noch von Urlaubsflügen kennen, muss man die Augen offen halten, wie man hier einsortiert wird und an welcher Schlange man sich dann anstellen muss.

 
 
 
 

Zuerst kommt die Ausreise aus Hongkong. Dort zeigt man den Pass vor, wird gefragt, ob man China besuchen will, sagt: „Ja, aber nur Shenzhen“, und muss dann seine Arrival-Card von Hongkong abgeben (braucht man ja auch nicht mehr) – oder, wenn man die nicht mehr hat, vorher eine Departure-Card ausfüllen. Danach kommt ein Gang, der keine Ahnung zu welchem Land gehört, bis dann die Passkontrolle zur Einreise nach Shenzhen kommt.

Überraschend wenig Leute vor mir am Schalter und so konte ich den freundlichen Grenzer nach wenigen Minuten fragen, was er jetzt von mir benötigt. „Passport“, hat’s gehießen. Gut, bitte, hier Passport. „Haben Sie ein Visa?“, fragte er. Ich so: „Nein“, weil ich dachte, das kaufe ich jetzt bei dir. „Oh, dann kucken Sie mal kurz hinter sich, dort sehen Sie eine Rolltreppe, dort oben können Sie das ‚Port Visa‘ erwerben.“

 
 
 
 

Aha, gut ok – das Schild war irgendwie nicht zu sehen auf dem Hinweg, sondern nur, wenn man zurück kuckt. Also dort hin, die Rolltreppe hoch. Dort muss man wieder ein Blättchen ausfüllen und eine Nummer ziehen; war zum Glück wenig los, sodass ich gleich dran gekommen war.

 
 
 
 

Auf dem Blättchen wollen die immer wissen, wo man in China bleibt, also eine Adresse. Doch ich kenne ja keine Adresse in Shenzhen und laufe ja sowieso bloß kurz durch die Stadt, also was zum Kuckuck soll ich dort eintragen? Freilassen sieht bloß blöd aus. Ich erinnerte mich, dass ich 30 Sekunden vor meiner Abfahrt noch bei Tripadvisor irgend etwas von einem markanten Gebäude namens „KK 100“ gelesen hatte, irgend ein Einkaufs- und Bürogebäude. Trage ich halt das ein, weil: wer weiß, vielleicht will ich ja wirklich dort hin?

Wenn dann die Nummer aufgerufen wird, gibt man das Blättchen den Grenzern hinter den Schalterfenstern, die sich grad bescheutere Youtube-Videos auf dem Handy ansehen. Dann wird geäugt, getippt und gestempelt und der Pass mit dem Blättchen und einem neuen Blättchen einen Tisch weiter geschmissen, wo dann die Kasse ist. Dort bekommt man dann das erste mal gesagt, dass das jetzt was kostet und was es kostet: nämlich 168 Yuan (≈ 23 Euro). Yuan wurden also verlangt, hatte ich noch nicht. Es hatte sich aber kurz vor dem Eingang der Visa-Wartehalle eine kleine Wechselstube eingenistet, die hier ihr Geschäft machte. Gut, das darf sie jetzt mit mir machen, bin auf die Wucherpreise gespannt. Ich konnte 220 HKD in die benötigten 168 RMB tauschen (≈ 25 Euro). Man zahlt also schon rund 10 % drauf, aber das hält sich absolut gesehen mit umgerechnet 2 Euro glücklicherweise noch in Grenzen.

 
 
 
 

RMB steht für „Renminbi“, die „Volkswährung in China“, deren größte Stückelung der „Yuan“ ist, die nächst kleinere der „Jiao“ und die noch nächst kleinere der „Fen“ – quasi so wie Mark, Groschen und Pfennig.

Mit der getauschten Währung zurück zum Schalter, das Ding bezahlt und dann hatte ich meinen Visa-Kleber im Pass, der eine ganze Seite ausfüllt – die alten Wichtigtuer.

Nun nochmal zum Grenzer, der sich jetzt Pass und Visa ansehen konnte. Beim zweiten mal anstehen war die Schlange schon etwas länger, als wäre grad ein neuer Zug angekommen. Warten. Warten. Dann vorzeigen. „Sie müssen noch die Arrival-Card ausfüllen,“ hieß es dann, „die sind dort drüben an den Tischen.“ Ja Junge, ich hab dich extra vorher gefragt, was du von mir alles sehen willst! Warum erzählst du mir das jetzt kleckerweise nachdem ich jedes mal wieder in deiner Schlange gewartet habe? Was kommt denn als nächstes noch alles? Mann, mann, mann …

 
 
 
 

Also ich wieder zurück und die Arrival-Card ausgefüllt. An der Stelle ist man froh, wenn man seinen eigenen Stift dabei hat, denn selbst wenn dort welche rumliegen, gehen die nicht. Kaum angefangen zu schreiben, stellt sich jemand neben mir an den Tisch, der so laut vor sich hin summt und einen damit ablenkt, dass ich nicht mal bis zum Geburtsdatum komme, ohne mich zu verschreiben. Arrival-Card in den Müll, 5 m weitergerückt und nochmal probiert.

Das endlich geschafft: nochmal zum Grenzer. Dessen Schlange sah inzwischen so aus, als wären grad zwei Busse ausgekippt worden. Warten. Warten. Warten. Warten. Warten. Dann vorzeigen. Alles klar. Weitergehen.

Und dann, ja dann war ich in China!

 
 
 
 
Na ok, „nur“ in Shenzhen. Und ach du grüne Neune ! – während in Hongkong das meiste noch zusätzlich zum Chinesisch mit auf Englisch steht, und man auch mit Englisch relativ weit kommt, ist es in Shenzhen ja vollkommen vorbei. Hier steht nahezu wirklich alles auf Chinesisch.
 
 
 
 

Bei solchen Sachen hilft natürlich die Macht der Marke und man erkennt, dass es sich um Pizza Hut handelt:

 
 
 
 
In Asien weit verbreitet, sind die sogenannten „7-Eleven“-Shops; das sind quasi, die Ich-hab-das-nötigste-und-immer-für-dich-auf-Läden. Und im erst besten 7-Eleven in China sehe ich: einen Baozi-Dämpfer! Da musste ich natürlich erstmal echte chinesische Baozi essen. Das Bestellen ging grad so mit Fingerzeigen und freundlich nicken, wenn die Verkäuferin das richtige in der Hand hielt. „Danke“ heißt „Xièxie“ und irgendwie sind die sich alle nicht so richtig einig, ob das nun eher „Chiöchiö“, „Zjezsje“, oder vielleicht „Ksiesie“ ausgesprochen wird.
 
 
Dann will man sich mal kurz hinsetzen, um die Baozi zu genießen, dauert es nicht lange, kommt der erste Bettler vorbei und nimmt die einem wieder ab.
 
 
 
 

Diesmal hab ich aber gut gemacht! Der kleinste Geldschein den ich aktuell bei mir hatte, waren 10 Yuan, die Baozi kostete aber nur 3, ha! Ich also die selbe Runde nochmal gemacht und neue Baozi gekauft … die hab ich aber dann vorsichtshalber mal im Gehen gegessen ...

 
 
 
 

Kaum kurz geschlendert, schon wollten mir die nächsten eine ,,beautiful massage“ anbieten und die andere irgendwas mit „Whirlpool“. Also Mädls, dafür haben wir ja aber nun gerade wirklich keine Zeit …

Wir wollen nämlich mal versuchen U-Bahn zu fahren. Die Shenzhen Metro geht nämlich mal noch: da ist noch etwas Halb-Englisch vorzufinden, um zurechtzukommen. Am Schalter gefragt, ob die einen gedruckten Liniennetzplan haben: haben sie, aber natürlich nur auf Chinesisch. Da bin ich etwas aufgeschmissen und es musste der große Plan an der Wand für eine Fotosession herhalten.
 
 
An den Eingängen zu den Bahnsteigen machen die hier einen Zinnober: Sicherheits-Kontrollen wie am Flughafen, mit Gepäckgescanne. Nervig. Und während man in Hongkong nur keine metallenen Luftballons mit in die U-Bahn nehmen darf, darf man in China überhaupt gar keine Luftballons mitnehmen – die Spielverderber.
 
 
 
 
Ein Begriff war mir beim googlen nach Shenzhen noch hängen geblieben und das war der sogenannte „Lychee Park“ an der Haltestelle „Grand Theater“. Den wollen wir doch mal suchen, so als Tagesziel. Man sollte Ausgang B der U-Bahnstation nehmen und würde geradewegs auf den Park zugehen. Ausgang B war aber gar nicht so einfach, ich befand mich plötzlich in einem riesen Einkaufszentrum. Also eine Ehrenrunde in der „KK Mall“ gedreht und da plötzlich: H & M ! Jetzt, hoffentlich kann ich endlich hier mal meinen bedauernswerten Fehlbestand an halbwegs gängigen Sonnenbrillen wieder auffüllen bevor’s nach Bali geht! Und tatsächlich: es gab genau das Modell hier in rauen Mengen, was man mir armen Thor in Kuala Lumpur beim Rumkaspern für das Foto vor den Twin Towers geklaut hatte. Na endlich, in China im H & M gibts das. Wo ist das Problem Kuala Lumpur, wo ist das Problem Hongkong? Legt euch mal Läden mit Sonnenbrillen zu, es ist ja nun wirklich nicht schwer. Ihr habt ja nun die Handwerker direkt vor der Nase. Diese H & M-Made-in-China-Sonnenbrille war komischerweise aber in China teurer als in Deutschland. Man steckt halt nicht drinn ...
 
 
 
 

Doch zurück zum Lychee Park. Wie man hier Straßen überquert fragt man sich im ersten Moment und dann braucht man eine ganze Weile, ehe man checkt, wie hier die Eingänge zu den Unterführungen aussehen, in denen man die Straßen unterquert. Im Tunnel darf man dann nicht erschrecken: die Leute die hier wie Heroin-Junkies rumliegen, hängen nicht an der Nadel, sondern am Kabel: aus der Tunnelwand kommen nämlich aller 5 m USB-Steckdosen. Also das ist mal ulkig.

 
 
 
 

Der Lychee Park selbst war schon doll gemacht. Bambus, Mangroven, Palmen, Gewässer, Bänke, schöne Wege, gepflegt und sauber, hübsche Lampen; Leute joggen, machen Gymnastik, und hier wurde an jeder Ecke (wild durcheinander) musiziert – ohne zu betteln; anders als in Hongkong, wo sich häufig Krüppel präsentieren und schräg rumträllern. Viele Passanten hier haben aber, statt Ghetto-Blaster, kleine Smartphone-Blaster: die beschallen sich (und alle anderen) während des Spazierens mit Musik aus ihren Handylautsprechern. Das ist natürlich ’ne komische Mode. Und der Park ist wieder mal schön groß, so dass ich mich natürlich fast verlaufe …

 
 
 
 

Als ich dann doch aus dem Lychee Park wieder rausgefunden hatte, fand aus irgend einem Grund auf dem Platz davor eine Art Tanzveranstaltung statt, wo alle fröhlich rumturnten. Also ich glaube langsam, die Chinesen feiern in ihrem Land die übelste Party, wollen bloß alle glauben lassen, dass die die fiesen Unterdrücker sind, um sich Fremde aus dem Haus zu halten.

 
 
 
 

Beim weiteren Schlendern kommt man an Gemüseläden vorbei, wo ich mal einfach so für 8,60 Yuan ’ne superleckere Trinkkokosnuss kaufen konnte. Die Verkäuferin erkannte die Situation und fragte (gestenhaft) ob sie die gleich noch öffnen soll. Na klar, gerne! Und aus einem Schubfach kramte sie noch eine Packung Strohhalme und ich sollte mir sogar noch die Farbe aussuchen! Hallo was is denn hier los ?! Hab ich denn das schon jemals mal erlebt? Die bekommen hier ein dickes Bienchen.

 
 
 
 

So kurz vor Schluss bin ich noch mal in eine Einkaufspassage – ok, ehrlich gesagt, dachte ich, es wäre wieder eine Unterführung, weil ich die Straße überqueren wollte, aber es war eine unterirdische Einkaufsetage. Und was erblicken meine müden Äuglein da? Kühltruhen – und ich war plötzlich im Baozi-Schlaraffenland!

 
 

Dutzende verschiedene Sorten! Da musste ich natürlich erst mal ordentlich einmarkten, um die später der Verkostung preiszugeben.

 
 

Dann so langsam versucht den Rückweg zu finden, komme ich an eine Stelle, wo man direkt die Grenze sieht. Dreifach gesichtert alles. Musste ich natürlich mal paar Bilder machen, vom Grenzbach zwischen China und Hongkong.

 
 

Als ich da so knipste, kam ein Passant vorbei und sah, dass ich eben die Grenze fotografierte. Das fand er irgendwie gut, denn er machte so die Daumen-hoch-Geste, gleichzeitig fand er es aber wohl auch etwas mutig, denn es kamen hinterher noch so Gesten wie „die da oben“ und „beobachten“ und „zugreifen, herausziehen“. Das hab ich verwundert zur Kenntnis genommen, und überlegt, ob es eigentlich gefährlich ist, in China Landschaftsaufnahmen von den falschen Landschaften zu machen. Ich war mal gespannt, ob sich das in den nächsten zwei Stunden bis zum Grenzübergang herumspricht und die mich festnehmen. War aber nichts.

Am Grenzübergang dann die selbe Sache rückwärts: Ausreise aus Shenzhen, Einreise in Hongkong, mit erneutem Ausfüllen der Arrival-Card für Hongkong, die dann wieder ab dem heutigen Tag zählt. Das ist quasi eine relativ einfache Möglichkeit, seine Drei-Monats-Aufenthaltsgenehmigung in Hongkong zu verlängern, ohne einen Flug irgendwo hin zu buchen: einfach kurz nach Shenzhen (oder Macao) reisen und wieder zurück nach Hongkong.

Auf dem Weg nach draußen kommt dann ein Hinweisschild, was bisher mein Favorit ist:

 
 
 
 

„Bitte verlassen Sie das Land per Fahrstuhl“ – köstlich.

Ja und das war also Shenzhen, das war China. Entweder war es wirklich nur der Lychee Park, der hier als Stichprobe das Ergebnis verfälscht, oder aber: Shenzhen, ich bin durchaus begeistert. Das ist wie Hongkong, bloß in schön. Irgendwie hat es Shenzhen in fünf Stunden geschafft mich glücklich zu machen, was Hongkong in fünf Tagen nicht gelungen ist. Shenzhen, das wäre ein Ort, da würde ich sogar nochmal hinfahren und etwas länger bleiben. Leider bekommt man hier nur 5-Tages-Visa bei der Einreise aus Hongkong; für länger bräuchte man dann ein richtiges China-Visum, was ungleich aufwändiger und teurer ist.

 

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